Freitag, Tag1 - Es wird Regen geben - Forestglade – 4./5./6. Juli 2003 – ZIPFERZONE WIESEN
Der Wettergott trieb nur kurz seine Scherze mit den Festivalbesuchern und hatte nach ein paar kurzen Regengüssen ein Einsehen. Es folgte eines der schönsten Festivals in der elfjährigen Geschichte des Forestglades.
EXILIA wurde die Ehre zuteil heuer zu eröffnen und sie schafften es mit ihrem Sound, der irgendwo zwischen Guano Apes und Die Happy liegt, mühelos die Zuschauer daran zu erinnern, dass das Festival nun endlich beginnen kann.
Der Einlass funktionierte außergewöhnlich gut und bei den nachfolgenden EMIL BULLS ging vor der Bühne schon so richtig die Post ab. Die Fans hatten die Aufwärmphase schnell überwunden und es entwickelte sich schon zu Mittag eine tolle Stimmung und da sind die Jungs aus unserem germanischen Nachbarland ja ohnehin ein Garantiefaktor. Warum auch warten.
Bei DANKO JONES beschlossen viele Leute mal die erste größere Pause einzulegen und sich dem Menü im Gastronomiebereich zu widmen. Was sie dadurch allerdings versäumt haben, war nicht von schlechten Eltern, meine Herrschaften. Die Dreierformation rockte wie die Sau und bot eine Show von der wir unseren Enkeln noch erzählen werden. Unterstützt wurde das ganze noch fabelhafte von der Idee unseres Festivaloberguru Franz Bogner: aus dem Nichts ward kurz vor Beginn des Festivals noch eine Videoscreen aus dem Hut gezaubert und so konnte man viele Bands, gefilmt von vier Kameras, auf dieser in Über-Überlebensgröße bewundern, was ein zusätzliches Highlight dieser Tage wurde und hoffentlich ab sofort eine Fixeinrichtung bleibt.
Die Herren von HEINZ (aus Wien und Umgebung) und einige wenige andere Bands hielten dies nicht für Notwendig, lieferten aber nichtsdestotrotz einen gelungenen Auftritt und selten hat man bei einer österreichischen Band am frühen Nachmittag die Fans derart ausgelassen gesehen. Gerüchte besagen, dass die Abschiedsfeier von Lelo etwas heftiger ausfiel und man auf dem Weg in die Heimat das siebenmalige Anhalten zu eindeutig seltsamen Zwecken über sich ergehen lassen musste.
Und dann MIGHTY MIGHTY BOSSTONES. Erster Schock: kein Keyboarder und keine Tänzer. Abgespeckte Version – Entwarnung – eine tolle Show mit einigen Höhepunkten (der Kleine aus dem Publikum hopste sich die Seele aus dem Leib!). Abwechslungsreicher New- und Oldschool-Ska in Reinkultur der beanzugten Freunde aus Amiland.
Kaum entert Herr Garfield aka HENRY ROLLINS die Bühne ist er schon sehr sehr böse. Wie immer hat er dem Tontechniker ausrichten lassen, sein Mikrofon eher dezent aufzudrehen, damit das ganze Festivalgelände die Möglichkeit hat, die Stimme des Altmeisters auch zu gleichen Teilen verstärkt und unverstärkt genießen zu können. Ausnahmsweise hat Henry heute lange Hosen an und so kann man nur seine Tätowierungen an Armen und Hals erahnen, doch angesichts der angeschwollenen Adern diese sehr gut. HENRY ROLLINS spielt Songs aus seiner Zeit mit Black Flag – das kann er auch am Besten, doch das Publikum quittierts nur spärlich – ein Grund, beim nächsten Gig noch böser zu sein.
Mit den CARDIGANS bricht wieder die Zeit des Erholens an. Zuckersüßer Pop der Damundherren aus dem Land wo ein Seiterl fast mehr als einen Monatslohn kostet, dafür aber die Bands besser gefördert werden. Das merkte man auch – Nina Persson hat nichts von ihrer Ausstrahlung verloren. Schön.
Herr und Meister TRICKY war leider beim Grenzübertritt aufgehalten worden. So mussten die GUANO APES ihre Show vorziehen und es sei ihnen gedankt. Auf Sandra und Konsorten ist und bleibt einfach ewig Verlass. Brodelnde Stimmung, die Band in Partystimmung – so soll es sein, wenn Wiesen rockt. Kein Hit wird ausgelassen und die Securities können sich vor lauter Crowdsurfern kaum erholen. Eindrucksvoll waren die „Lords Of The Boards“ wieder in unseren Gefilden unterwegs. Es geht ja auch im Sommer.
Dann war er da. Grandseigneur seines Faches, hochwohlgeborene Eminenz TRICKY der Erste. Kaum zu Glauben, dass man nach den Guano Apes noch mit solch einer Show punkten kann, aber TRICKY konnte und das Publikum dankte es ihm. Perfekte Umsetzung seines neuen Albums „Vulnerable“.
Late Night- Shows haben was für sich. UNDERWORLD brachten uns einen dieser Momente, der einem das Loslassen so schwer macht. Die Leute blieben lange und wurden mit Klängen belohnt, die nicht so sehr durch die eher spärliche Performance sondern durch Gefühl für Sphären und Klänge auszeichnen. Ja und dann gings noch in die Coca Cola Fusion Lounge. Nette Einrichtung für alle, die Schlaf für etwas Unnötiges halten.
Samstag, Tag 2 – Endlich Urlaub
Es beginnt der schöne UNDERWATER CIRCUS. Qualität setzt sich durch und dieser Band kam es sichtlich zugute, dass man den Bekanntheitsgrad durch die Tour mit den Guano Apes eindeutig gesteigert hat. Schon mit der ersten Gruppe entwickelt sich ein bestens zufriedenstellender Festivaltag.
SINCERE waren mit Therapy? schon auf der Forestglade Kick Off Tour unterwegs und zeigten, dass sie auch so etwas wie eine Festivalband sein können. Schöner Gag, der Sprint des Sängers/Gitarristen durch die Menge hindurch bis hinauf auf die Wiese verfolgt von um die Sicherheit besorgter Tourmanagerin. Bitte wiederkommen.
Mit KREZIP sah die Bühne in Wiesen 3 Mal Mann und 3 Mal Frau. Eine Band, die die Stimmung der Gäste nur weiter ausbaute. Gut gemachter Pop/Rock und nie langweilig. Von den Niederländern wird man sicherlich noch mehr hören.
SAYBIA sind 2003 auf ausgedehnter Tour. Das merkte man durch eine professionelle Show, der nur die Höhepunkte fehlten.
Die Fans waren trotzdem zufrieden, der/die eine oder andere nutzte die Zeit für eine kleine Nachmittagssiesta.
Und nun: bumm – zack! Die DONOTS brechen wie ein Wirbelsturm über das Festivalgelände herein. Kaum jemand hält es auf seinem sprichwörtlichen Sitz. Vom ersten bis zum letzten Ton purer Rock´N`Roll gespielt von einer Band die Gas gibt, dass es sich gewaschen hat. Song für Song lassen sie die Massen springen. Genau in der Mitte des Festivals platziert ist es eine helle Freude zuzusehen – auch von der VIP-Tribüne, denn von da hat man das Publikum visuell bestens im Griff. Dieses Flair bietet eben nur Wiesen. Ein Festival für alle Lebenslagen. Und wir wissen, was mit den 80ern passiert ist.
Dass die DATSUNS Probleme haben werden, den Gig der Donots zu toppen ist von Anfang an klar. Auch die Zuschauer brauchen eine kleine Pause – trotzdem gelungener Auftritt. Und eines wird jetzt schon klar: diese Jahr haben alle Bands ein Grundlevel, dass erst gar keine Fadesse aufkommen kann.
THERAPY? sind wieder da – schon wieder? Logisch- muß einfach sein. Sie werden wohl in Wiesen in Pension gehen müssen, denn kaum eine Band fühlt sich auf dieser Bühne so wohl und dankt es dem Publikum mit außergewöhnlicher Spielfreude. Was Sänger Andy Cairns und der Rest der Kapelle allerdings gegen Alanis Morissette haben wird nicht erklärt, die Ansagen waren eindeutig für die Würste. So viel Matschogehabe ist eher noch für den Boxring und weniger was für die Musikbühne, meine Herren.
BADLY DRAWN BOY hatte ja leider im Vorfeld abgesagt und so kamen alle Bands zu längerer Spielzeit.
Das dankte ihm vor allem einer: FARIN URLAUB mit seinem bunt gemischten Racing Team. Da gings rund – tolle Songs, tolle Stimmung und neben dem Meister persönlich eine außergewöhnlich gute Band, die er da zusammengestellt hat der Jan. Rachel Rep, Schlagzeugerin der Boarder von Glow malträtiert auch hier absolut zielsicher die Felle und ist nicht nur optisch ein Gewinn, auch die restlichen Mädels an Gitarre, Bass und als Dreierchor haben das nötige Zeug, um mit jedem Song das Publikum zur Höchstform anzuspornen. Bleibt noch der Bläsersatz, der von den Busters angeheuert wurde – auch hier die Note Eins für Spielfreude und Spaßfaktor. Mein Lieber, das war was!
Die schwedischen MILLENCOLIN hatten die Ehre, diesen Festivaltag zu beschließen, da unser Anglo-Inder Panjabi Mc leider krankheitshalber dem Gelände fern blieb. Sie konnten zwar mit ihrer Performance nicht ganz an die vor ihnen aufgetretenen Protagonisten anzuschließen, der Stimmung tat dies jedoch keinen Abbruch. Hier ist aber vielleicht doch schon ein Stern am Verblassen.
Ja und zum Abschluß wurde bei ordentlicher DJ Musik (Hut ab meiner Herren!) bei Coca Cola wieder ordentlich geloungt.
Sonntag, Tag 3 – Rocksuperstars
Am dritten Tag machen sich die ersten Lähmungserscheinungen breit und das Gelände wird erst später frequentiert als an den vorherigen Tagen. Der Spielfreude von TEMPLE X tut das allerdings keinen Abbruch. Ein würdiger Opener an einem nicht zu heißen aber trotzdem angenehmen Sommertag.
KETTCAR kommen aus Deutschland und das hört man auch. Schöner schnörkelloser Gitarrenpop/Rock, der die Leute immer mehr vor die Bühne brachte. Plötzlich war auch wieder einiger Elan zu spüren.
AEREOGRAMME waren vielen bis dato unbekannt und das wird sich nach dieser Show schlagartig ändern. Der Vierer legte ordentlich los und wird nicht mehr lange ein Geheimtipp bleiben.
Ab frühem Nachmittag war das Gelände nun prall gefüllt. PRONG dankte es den Fans mit einem gelungenen Metal-Set und zeigten, dass man sie noch lange nicht abzuschreiben braucht. Ein guter Auftritt ohne Netz und doppelten Boden.
Glaubte der eine oder andere, dass nun die Heftigkeit ihren Einzug in Wiesen halten würde, der hat sich aber ordentlich getäuscht. TURIN BRAKES waren so eher von der folkigen Seite und spielten ihren Akkustikset schon Mal im Sitzen. Eine schöne Abwechslung, um sich ein bisschen auszuruhen und ohne Stress wohligen Klängen zu lauschen.
Mit FEEDER war dann wieder eine Spur Gitarrenpop mit Alternative- Attitüden am Start. Eine gute Vorbereitung für die nächste Band. FEEDER wirkten am Anfang leicht nervös, weil sie immerhin ihre erste Show in Österreich spielten, kamen aber beim Publikum gut an, das zeigte, dass sich schon eine zahlreiche Fangemeinde gebildet hat.
Und dann Alarm. Der Albtraum jeder brasilianischen Großmutter enterte die heurige Forestglade Stage. SOULFLY mit einem spielfreudigen Max Cavalera und mit ausgewogenem Programm. Selten waren um diese Zeit schon so viele Leute vor der Bühne. Auch der Gegenhang war fast bis zum letzten Platz gefüllt. Max und seine Mannen zogen alle Register ihres Könnens, brachten alle Hits (Sepultura inklusive) und verzichteten auch nicht auf die obligate Trommelorgie. SOULFLY brachen mit der Tradition keine Zugaben zu spielen und Max Cavalera tauchte schließlich auch noch mit dem für ihn typischen Fußballtrikot auf. Am Forestglade mit der Nummer 26 des SV Mattersburg – Didi Kühbauer. Alle Versuche und Proben im Bandbus diesen Namen auch auszusprechen scheiterten übrigens, doch die Freude über die Originalunterschriften der Spieler war groß.
Viele haben schon jahrelang diesen Tag herbeigesehnt. Endlich sind sie gekommen. Der Ansturm der absolut nur Schwarzgekleideten ist aber bis auf einige Ausnahmen ausgeblieben. TYPE 0 NEGATIVE spielten ihre Show mit Höhen und Tiefen. Hatte Basslonginus Peter Steele zu Beginn mit Soundproblemen zu kämpfen, steigerte sich die Band mit der Zeit, was wohl nicht allein daran lag, dass der Frontman im Chrirurgendress seinen Bass und seine Kehle mit französischem Merlot benetzte. Von dem einstigen Glanz der frühen Tage zeugte leider nur der Abschlusshit „Black Nr. 1“. Auch die neue „Single „I Don´t Wanna Be Me“ klingt aus der Konserve besser. Schade, man hat sie anders in Erinnerung.
Wie man musikalisch den Bock zum Gärtner machen kann zeigten die FLAMING LIPS auf genialste Weise. Nicht nur, dass ihre Musik schon etwas kitschig wirkt, so waren auch die Statisten in Tierköstümen (unter ihnen auch Booker Paul Debnam – oscarreif als Delfin) und weitere aufblasbare Geräte kaum mehr zu packen. Die Meinungen über diesen Set gehen auseinander, wir geben für diese Performance die absolute Hochstnote 10 ohne Wenn und Aber. Wie gerne wären wir wieder Kinder. Dank den FLAMING LIPS wurden wir kurz in diese Zeit zurückversetzt. Danke.
CYPRESS HILL – lange Nachdenkpause. Percussionist, DJ, zwei Rapper – und aus. Weiter: genialer Auftritt. Viele hätte sie ja gerne mit kompletter Band gesehen, aber auch ohne Schlagzeug, Bass und Gitarren mit viel Musik aus der Konserve war es absolut sehens- und hörenswert. Vom ersten Takt an geht die 8000 Köpfe zählende Menge auch bei nicht wirklich bekannten Nummern voll mit und in den Songpausen bricht ein Applaussturm auf die Musiker herein. Von der VIP Tribüne aus entfaltet sich das gesamte Szenario in einer Welle hüpfender und zuckender Leiber zu einem Furioso an Musik, wie es alte Meister der Kunst nicht besser beschreiben könnten. Bei „Mr. Greenthumb“ brechen alle Dämme und CYPRESS HILL wissen, wo sie hingehören: nicht nur der Song sondern auch der Titel ist ihnen gewiss: „ROCKSUPERSTAR“. Elitärst.
Und so haben wir in den letzten drei Tagen ein tolles Festival erlebt, 29 Bands gesehen und die Installation der Videowall dankenswert zur Kenntnis genommen. Die Vorfreude auf Ereignisse wie Spring Vibration, Groovequake, Sunsplash und Two Days A Week ist bereits eingekehrt. Also, auf ein Neues!